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Thomas Stangl

Biographie

Thomas Stangl est né le 4 janvier 1966 à Vienne, en Autriche. Alors qu'il termine ses études de philosophie et d'espagnol par un mémoire sur la théorie littéraire de la déconstruction, il publie, dès le début des années 1990 des essais, des critiques et des textes en prose dans des revues et magazines littéraires, ainsi que dans divers quotidiens, dont le Frankfurter Allgemeine Zeitung. Auteur de quatre romans, et d'un recueil d'essais et de récits, Ce qui vient (Les Éditions du Sonneur, 2015) est le premier texte de Thomas Stangl publié en français. Ce qui vient a été sélectionné pour le Deutscher Buchpreis 2009, le plus prestigieux de tous les prix allemands.

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Texte d'Auteur

Vossenplein. Place du Jeu de Balle


1. Der Win

Ein Mann zieht einen Handkarren, voll mit alten Koffern unterschiedlicher Farbe und Größe, hinter sich her. Sie sind so aufgestapelt, dass möglichst viele auf den Karren passen; so entsteht ein Muster. Die Koffer sind siebzig, achtzig, hundert Jahre alt; von einer Art, wie man sie auf Flughäfen oder in Bahnhöfen heute nicht mehr zu Gesicht bekommt. Möglicherweise ist den toten Besitzern der Koffer diese Nähe, diese Berührung ein wenig unangenehm, denke ich einen Moment lang; sie zucken zurück (vergeblich). Der Flohmarkt ist eben zu Ende gegangen; an einigen Bäumen lehnen noch übriggebliebene Gemälde und Stiche, ein wenig verloren, man kann stehenbleiben, lauschen, auf ein verängstigtes Flüstern warten, ein begehrliches Flüstern, he, nimm mich mit (vergeblich). Landschaften, Blumen, Interieurs, Frauen mit Sonnenschirm oder Mandoline. Ein würdiger Mann in Sepiafarben, mit gezwirbeltem Schnurrbart, der vor seinen Büchern sitzt, einen Stift in der Hand, und nur kurz aufschaut, sich ungern bei der Arbeit unterbrechen lässt; ein Firmenchef oder Kolonialbeamter, der ein teures Teeservice mit winzigen Tassen auf dem Schreibtisch stehen hat. Im Papier unter dem gerahmten Glas klafft, nah an seiner Stirn, ein Riss; über seiner Brust ein großes Loch. Teppiche sind aufs Pflaster gelegt, über die Lieferwagen fahren.

Immer wieder zu diesem Flohmarkt auf der Place du Jeu de Balle / Vossenplein zurückkehren, meist über die Rue Haute / Hoogstraat und die Sistervatstraat / Rue de la Rasière. Jeder Platz und Straße hat zwei Namen mit (für mein Ohr jedenfalls) oft leicht unterschiedlichen Bedeutungen. Jede Straße ist doppelt, zwei Straßen, die sich voneinander lösen, deren Bilder sich übereinanderlegen, eine seltsame Leichtigkeit bekommen.
Vor dem Musée de l´Imaginaire mit seinen traumblauen hölzernen Türen und Schaufenster-einfassungen, der Boucherie Moderne daneben mit ihrer 50-er-Jahre-Schrift, hinter der sich ein Tattooladen verbirgt (immer sitzen ein paar Leute auf den Fensterbrettern) ist ein eben erst verlassenes Wohnzimmer mit Sofas und Stehlampen im Freien aufgestellt, ganz plötzlich aus einer alten Wohnung hier her versetzt, so scheint es, die Gespenster der Bewohner haben kaum Zeit gefunden, sich unsichtbar zu machen. Gerade noch in einer Schachtel versammelt sind die losen sehr kleinformatigen Fotos von Kindheiten aus den dreißiger und vierziger Jahren bereits dabei sich zu zerstreuen. Ein paar hat der Wind schon wegfliegen lassen. Auf der Rückseite sind sie beschriftet: Marielle, 12 Jahre alt. Ein Baby mit unleserlichem Namen in den Armen seiner Mama, 1942 (in diesem Jahr des Todes und des Tötens). Von einer Feuermauer an der Einmündung der Rue de l´Economie / Spaarzamheid Straat antwortet das tiefe Blau unter einer alten Martini-Reklame auf das tiefe Museumsblau, mehrere Schichten von Schrift sind in der Reklame übereinandergelegt: J.B T´ SAS dit Jean KAS. BALATUM tous DESSINS.

Man kann zusehen, wie die Dinge ihre Festigkeit verlieren. Da ist der Wind am letzten Märztag auf der Grand Place (der Platz ist als Grand Place weit, leer und würdevoll, als Grote Markt belebt und geschäftig, immer zeigt er beide Gesichter), eigentlich ist es ein Sturm: am Himmel jagen die Wolken dahin, machen den Stein der Fassaden porös und weich und laden sie ein davonzutreiben, in der Zeit, die wie der Raum ist. Sie drehen sich im Uhrzeigersinn, all die würdigen alten weißen Bauten, unter dem Blau des Himmels und seinen Wolkenstraßen, und heben dann ab.
So wird es auch der Altstadt von Gent ergehen, wenn auch erst nachträglich auf den Fotos: sie tut so als wäre sie fest und unzerstörbar, eine ewige, sinnlos gewordene hübsche Kulisse, ein abgeschlossener Raum für Touristen, aber dann kommt (vom Touristen zufälligerweise aus der richtigen Perspektive fotografiert) der Himmel mit seinen weichen Kondensstreifen und reißt die Bauten aus ihren Verankerungen.
Die Dinge verlieren ihre Festigkeit, lassen aber einen Ersatz zurück, ein bestimmtes Licht, ein bestimmtes Leuchten. Möglicherweise muss man allerdings verrückt oder völlig verzweifelt sein, um es zu bemerken (jene Art von Verzweiflung, die an ihren Grenzen schon wieder in Glück übergeht): der Gedanke kommt mir bei einer Van-Gogh-Ausstellung.
Ich schaue auf seine frühen, dunklen, klobigen, ein wenig ungeschickten Bilder, zwischen die einige wenige Beispiele seines berühmten Spätwerks verstreut sind, und notiere: „Mit der Schwere beginnen, um zur Auflösung zu gelangen, auf sozusagen natürlichem Weg, denn das Malen beweist ihm mit jedem Blick und Pinselstrich: die Häuser und die Menschen haben keinerlei Schwere. Die Menschen leben in Nestern wie Vögel.
Aus der Nacht hinaustreten in den Wahnsinn. Im Licht des Wahnsinns sind die Wege vorhanden, aber so leicht, dass die Füße kaum den Boden berühren. Und Dach und Wiese können einen grünen Wirbel formen, der die Häuser einklemmt. Die Häuser biegen sich vom Wirklichen weg."

Die Saurier im Naturgeschichtsmuseum dagegen haben sich selbst als Ersatz zurückgelassen: etwas ratlos stehen sie als kleine Herde von Skeletten da, im dämmrigen Licht zwischen den graugrünen Säulen und Trägern aus Stahl, vielleicht (denke ich, bevor ich lese, dass sie alle in der selben Höhle gefunden wurden) aus verschiedensten Jahrhunderten stammend, aber nun doch nachträglich eine kleine Herde, eine Gruppe von Verwandten geworden und in eine Art von Maschinenhalle versetzt. Einige der Tiere sind möglicherweise aus den Bestandteilen mehrerer Individuen zusammengebaut. Beinahe haben sie Gesichter, die Gesichter von Giraffen oder Antilopen. Das Museum erinnert an eine Fabrik; rund um die Halle läuft eine Galerie für die Aufseher und Vorarbeiter, dort gehen heute Museumsbesucher langsam an den Skeletten vorbei, bringen die Zeiten durcheinander und versuchen sich selbst aus der Zukunft zu sehen.

2. Verwandtschaften

Ich sitze vor einem Lokal an der Porte de Hal in der Sonne, ein Tangerlo-Bier im Kelch auf dem Tisch vor mir. Die nach rechts an der Brasserie vorbeilaufende Afrikanerin mittleren Alters (die eine weiße Strickweste um ihre Schultern schlingt) kann in diesem Moment ganz zweifellos die Mutter der beiden ihr entgegenkommenden blonden jungen Mädchen sein (die eine in Denim-Shorts, unter denen sie eine löchrige schwarze Strumpfhose trägt). Einen Augenblick lang bleiben die Mädchen stehen, wechseln eine Bemerkung, die eine richtet sich die Kleidung. In einem Roman, der sich in diesem Moment fortspinnt, wuchert und wieder auflöst, ist die Afrikanerin ihre Mutter.
Dann geht ein fünfjähriger Bub mit einem sehr schicken karierten Hipster-Hut auf dem Kopf an der Hand seiner jungen Mutter vorbei, der Bus nach Charleroi überholt sie, ihre Bewegung und die Bewegung des Busses werden zu Linien, die sich beinah berühren.
Ich zahle mein Bier, kann mich nach links zur Rue Blaes / Blaesstraat oder nach rechts zur Rue Haute / Hoogstraat wenden und werde auf jeden Fall, wann immer ich in Richtung Stadtzentrum gehe, auf der Place de Jeu de Balle landen.

In einer Kiste liegt eine vermutlich Jahrzehnte überspannende Serie von Fotoalben, ich blättere in einem aus den frühen sechziger Jahren. Die Familienfotos darin sind mit Kreide sorgfältig durchnummeriert, vierstellige Zahlen (wie sie heute die Kameras automatisch generieren). Auf zwei Fotos von einer Party ist eine wild tanzende sehr bürgerlich gekleidete und frisierte untersetzte. Frau mittleren Alters zu sehen. Sie schwingt die Beine, die Kamera hat sie in der Bewegung festgehalten. Urlaub macht die Familie an Schweizer Seen.
Ein Fotoalbum ausschließlich mit Schülergruppen unterschiedlicher Schulen und Hochschulen aus den sechziger bis neunziger Jahren ist anfangs säuberlich beschriftet, auf den eingeklebten mit Maschine beschriebenen Zetteln sind manchmal sogar die Namen aller Schüler verzeich¬net. Später ist das aufgegeben.
Unter den auf dem Boden verstreuten einzelnen Fotografien fallen mir zwei Hochzeitsfotos auf, eines in Schwarzweiß, nach Frisur und Kleidung des sehr schönen Brautpaares spätestens von 1964, das andere, in Farbe, von Ende der 70er-Jahre. Der Bräutigam hat eine Frisur, wie sie Fußballer in jenen Jahren trugen, eine übergroße Fliege um den Hals und ein etwas schiefes Lächeln. Im Hintergrund ist eine Burg zu sehen. Vielleicht sind die beiden längst geschieden und wollen voneinander und von ihrer Hochzeit nichts mehr wissen; vielleicht wohnen sie auch gleich um die Ecke, als Großelternpaar, und das Foto stammt aus der Verlassenschaft irgendeiner Urgroßtante.
In der Rue de l´Economie / Spaarzamheid Straat liegt auf dem Boden ein weiteres, rätselhaft erscheinendes Foto: eine afrikanische Frau, die mit aufgestützten Händen an einem Tisch zu sitzen scheint. Sie hat in merkwürdiger Weise ein Tuch um die Stirn gebunden, so dass es ein Auge und das halbe Gesicht verdeckt. Der Mund ist durch ihre Hand verdeckt; aus dem einen sichtbaren Auge schaut sie fragend? neugierig? anklagend? voll verzweifelter Wut? auf eine nicht sichtbare Person außerhalb des Bildes, die nicht der Fotograf ist. Sie schaut voll verzweifelter Wut auf eine dritte Person außerhalb des Bildes, die nicht der Fotograf ist. Sie schaut voll verzweifelter Wut auf mich, der ich mich ihrer Geschichte entziehe. Ihre Geschichte entzieht sich, sie hat keine Geschichte, nur ihre Wut, ihren Blick, das Tuch, das ihr halbes Gesicht verdeckt.
Ich fotografiere das Foto statt es aufzuheben und mitzunehmen, wie ich kurz überlegt habe.

Ich gehe weiter in Richtung Chapelle. Dort soll vor fast fünfhundert Jahren der Maler Bruegel aus der Hoogstraat geheiratet haben. Die toten Besitzer der Koffer vom Flohmarkt, die toten Maler der Flohmarktgemälde, die toten Brautleute, die flüchtig Verwandten folgen mir, nein, sie folgen mir nicht. Die Kirche ist nicht besonders interessant.
Unter all den 19.Jahrhundert-Gemälden in ihrem Inneren gibt es rechts vom Altar ein halb schon verlöschtes, kaum noch sichtbares altes Fresko. Halb noch ein Bild, halb schon Mauer; weil es nicht mit seinem Bildsein, dem Zeigen protzt, zeigt es viel mehr, nämlich Farbe auf einer Mauer. Die drei schon gesichtslosen Figuren, jede in einem eigenen Rahmen-Raum, mit den ausgebreiteten weiten Gewändern (so viel ist zu sehen) sagen nichts als: Wir waren da. (Und mehr ist nicht zu wissen).

 

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Porte de Hal
30.03.15 > 27.04.15

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