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Ulrike Draesner

Biographie


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Texte d'Auteur

Himmel, wild schnittiges Grün

Vollezele also
heißt voll, ganz und zele kleiner Hügel/Berg, voller ganzer kleiner Hügel, und nebenan ist der tiefe Bach. Um kurz vor neun wird es allmählich hell, sah die Sonne links von meinen Fenstern rot und ganz am Himmel hängen. Das ist der Westen - spätes Erscheinen. Und Bleiben, langer Nachmittag, Unterbetonung Unterbenotung des Morgens. Und die Wiesen so grün! Satt, fest, die Erde lehmig, riecht aber erstaunlich wenig, alles liegt voller Pflanzen, Schlingen mit Dornen am Boden entlang, dazu der Windhund mit seinem gestickten Band, als liefe ich durch einen Gobelin, in dessen später Nachahmung Häuser hängen und außen hängt Breugels Licht. Das lebt nicht still, sondern voller Rufe wie kuku und hel-hel, helles Schreien der Hühner am Boden, jener, die wild sind im Wald. Klebt die Erde an den Schuhen wie Batz ruffig und voll, Silhouetten von Pferden, aber das Gras ist es, das Gras: sein treibendes wild schnittiges Grün, ein harter geschachtelter und doch schwertiger Glanz. Stück um Stück auch die braunen geschnittenen Stoppeln, von Mais, aus dicker fetter Erde, die ausgebreitet liegt wie ein unregelmäßiges Stück Eis. Auf das Erde gefallen oder gebrochen ist. Denn der Himmel, immer wolkig zu blau, steht neben den kahlen Bäumen ganz Form, auch eine Eiche am Weg, die sich verfaltet, von den Wurzeln ab, die schon sind wie ein Gesicht, und dort aufragt, in fünf seitlichen hochstrebenden Ästen, das ganze allerdings doch zu einer länglichen Kugel geformt, und rechts oben, nicht allzu hoch, ein sauber zusammengetragenes Nest für einen Frühlingswinter, der ungemalt bleibt, bis auf diese Stelle, hier.
Vollezele. Der Abend vor meinem Geburtstag, ein Abend für Parties oder auch Stille wie diese Nacht, nie hier verbracht, nur vielleicht in einem Museum vor einem Bild, das diesem Ort glich, als Anschauung und Begriff. Nach Holz riecht es und Blätter, kleine rote Stücke - vielleicht vom Bildschirmschoner, vielleicht doch von meinem Schuh - wandern auf den Teppich an die Stelle, an der ich 43 Jahre alt werden soll. Seit einigen Jahren lebe ich in Berlin, das im Winter nach Rauch riecht, Holz also auch, allerdings verbrannt, und vor allem nach Kohle, braun aus der Erde gebrochen, ein feuriges Fett, in das keiner treten kann. Das Grün dort ist niemals satt, Menschen - dicht und aufeinandergestellt - wie angezogen sie durch die Straßen laufen, sehr sauber gewaschen, und alle Geschäfte sind lange geöffnet, ständig bereit.

Die Dörfer hier hingegen wie aufgeklebt auf ein Stück Erde. Tagsüber schon leer, mit 70km/h durchbraust, verwandeln sie sich nachts ganz in Straßen. Alle Lichter, die ich sehe, sind nicht Dörfer, wie zuhause, sondern Wege, ohne Schilder. Wer sich nicht auskennt, geht verloren und steht am Ende, wie ich, mitten auf einem Feld. Es ist gefroren, so daß ich darauf gehen kann, weg von der Straße, von vorgefertigten Wegen, der Vorgefertigtheit in der Stadt nicht mehr auffällt, weil sich keine Alternative bietet. Aber hier - was für eine Kontinuität: Erde, rund und erstreckt. Und wie die Landschaft mit jedem Schritt sich formt und dreht, als wäre sie ein Film. Immer fort fort, und doch hier, und die Bäume dreimal höher als jedes Haus.
Ein Land der Wege, das sich, solange es in Ruhe gelassen ist, stets selbst als Landschaft entwirft - weiche rollende kleine Hügel, zele, Ziele, selbst zwischen den Baumstämmen noch, flaumig flauschiges Grün, als wären die Stämme Zehen, die Äste Fußknochen und Adern, gegen das Gelbrot des immer gewölbten Himmels gereckt. Und das Gras eine sanfte Haut. Bei den Häusern aber, zumindest jenen entlang der Straße, einförmige Lieblosigkeit, Gewürfel kein Ausdruck dafür, jedes in sich seltsam charakterlos und alle zusammen ein Ganzes, das sich nicht fügt. Da hilft kein weißer Gipshabicht, Engel oder Zwerg, der den Vorgarten bethront, gern neben einem Briefkasten aus grobem Ton, bemalt, puppenhausartig, für eine Post, die ebenso ist, unecht, bunt?
Und dann jenes Fahren, über die kurzen Strecken, immer geradeaus, durch die Brauseorte hinein in die Kästchen der alten Städte, die funkelnden Edelsteine, die Enklaven, die geschliffenen Bauten, die wundersamen Steine, die zu Gemälden gerührten und anrührenden Öle, unglaubliche ENSEMBLES, hier, ja, zusammenstehen und -halten, gebunden von Wasser - Sein.
Der Himmel über Berlin ist der gleiche wie überall, nur nicht zu sehen - also ganz anders. Denn was hat man von einem Himmel, den man nicht sieht? Man weiß oder hofft, er ist noch da, meistens vergißt man ihn ganz. Auf dem Land hier gehe ich tiefer in der Erde und doch näher unter dem Himmel - weiter unten und weiter oben zugleich, was seltsam ist, denn ich wachse in zwei Richtungen Heraus-aus-der-Stadt, die mich normalerweise hart aufsetzen läßt auf ihren Pflastern, Katzenkopfplastern, die hier Kinderköpfe heißen, nur in Berlin ist es anders, denn dort sind die Gehwege schorfig wie die gefurchten Äcker hier, nur eben grau, und eine dicke Straßenbahn fährt darüber wie ein gelb gestrichenes Pferd.

Berlin. Vom Schreibtisch dort habe ich einen Blick auf die oberen Stockwerke des Hauses gegenüber, voller Stuck, gelb und weiß, neu renoviert, aber einen Ausblick habe ich hier. Keinen Einblick, doch Einsicht in: wie ich auf der Erde einsinke. Sterne auf dem Land sind nicht orange, sondern wenige, dafür weiter weg, und die Bäume bilden Herden wie ganze lebedige Wesen, besonders nachts. Sie haben keinen Schatten mehr und scheinen zu gehen. Nur Brombeerranken, die stachlig am Fuß schlingen, der im Gummistiefel rutscht, halten sie fest, und die Hunde bellen um drei in der Dunkelheit dazwischen umher, weil sie sehen, wie Bäume gehen, was einem Menschen Angst machen kann. Aber sie an dieser Stelle sind tapfer und halten sich fest an der Staffel einer alten Entüstung, die sich fortbellt von Dorf zu Dorf. Das Wort ‚Scholle‘ kehrt wieder, und die Arbeit der Rodung ist unmittelbar an den Rainen zu sehen. Alte Baumarten wurden angepflanzt oder wieder erfunden. Dabei stehen natürlich Strommasten und Funktürme, und das Land ist eine Zuleitung zur Stadt oder von ihr durchzogen. Aber die Gesichter der Menschen sind runder und brauner, selbst im Winter, die Hände fester, weil sie soviel Erde berührt haben, schon beim Fallen als Kind. Erde fett, schmierig, ich denke an das Kriegsmuseum in Brüssel, die Gräben von Flandern, dort nachgebaut. Und auch Waterloo, die Schlachtkonstellation inmitten der sanft rollenden Landschaft, die eine Erfindung der Maler ist. Dürer brachte das Wort ‚Landschaft‘ von Italien nach Deutschland - über Brüssel, wo er zum großen Marktplatz ging, noch vor dem Brand. Den Rathausturm sah er dort so stehen wie wir. Licht also - vlaams - und fette Erde, getränkt mit dem ersten Weltkrieg - im Unterschied ist zu der Stadt, aus der ich angereist bin, denn der sitzt der zweite obenauf und quillt noch aus ihren Häusern - jenen, die fehlen, und den Einschußlöchern der anderen.

In Berlin ist alles voller Namen und riesiger Klingelschilder. Hier finde ich Gärten und Tore, Auffahrten und Weiden, ganz ohne Namen. Die Sprache, die ich nicht verstehe, läßt mir Luft. Meine Sprache sei eine Präzisionsmaschine, die Sätze ineinanderverfugt, sagt man mir hier, bis für jemanden von außen nichts mehr zwischen Wort und Endung und das nächste Wort paßt - aber für mich, von innen, die Wörter eben dadurch zu atmen beginnen. Wie hier: die Präzisionsmaschine eines kleinen Traktors fährt an mir vorüber, gelb und grün, und präzise Furchenschollen stehen (die Seiten eines stets neu geschaffenen Buches) hoch, damit sie und später wir Luft holen können, und wenden, wie einst der Pflug wendete, vertere - verteres, und davon kommt dieses Wort: Vers.

Ulrike DRAESNER, Vollezele, 19. Januar 2005

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